Bekehrungen – #9 Der Gefängnisaufseher
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von
Oliver Attendorn
Im heutigen Blog-Beitrag beschäftigen wir uns mit der der Errettung des Gefängnisaufsehers in Philippi. Die Begebenheit ist sicher bekannt, wir möchten sie aber aus einer bestimmten Perspektive betrachten: dem wunderbaren Wirken Gottes und Satans entgegengesetztem, rasenden Wirken dagegen.
Wir können dem Trugschluss anheimfallen, dass geöffnete Türen und Frucht für Gott mit einem „ruhigen Wellengang“ einhergehen müssen – dem ist aber nur sehr selten so. So können wir auch in dem zu behandelnden Inhalt die Wahrheit aus 1.Korinther 6 erkennen, dass geöffnete Türen des Dienstes fast zwangläufig Satans Widerstand hervorruft; nicht umsonst verwendet Gottes Wort das Wort „und“ statt „trotzdem:
„8 Ich werde aber bis Pfingsten in Ephesus bleiben, 9 denn eine große und wirkungsvolle Tür ist mir aufgetan, und die Widersacher sind zahlreich.“ (1.Korinther 16:8-9)
Lass Dich deshalb nicht entmutigen, wenn Dein Dienst Widerstand hervorruft und Du mit unzähligen Unterstellungen und Steinen in dem Weg konfrontiert wirst – Dein himmlischer Vater würde anders zu Dir reden (siehe die ersten Verse aus 1.Korinther 16)!
Lesen wir nun die verschiedenen Phasen aus Apostelgeschichte 16:
Die Bekehrung Lydias, der Purpurhändlerin
„14 Und eine gewisse Frau, mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, die Gott anbetete, hörte zu, deren Herz der Herr auftat, dass sie Acht gab auf das, was von Paulus geredet wurde. 15 Als sie aber getauft worden war und ihr Haus, bat sie und sagte: Wenn ihr urteilt, dass ich dem Herrn treu bin, so kehrt in mein Haus ein und bleibt. Und sie nötigte uns.“ (Apostelgeschichte 16:14-15)
Es ist gut, wenn wir diese einzelnen Aspekte beachten, da sie uns auch Hilfe für unser evangelistisches Bemühen schenkt: Achten wir darauf, die Lehre in verständlichen Sequenzen mitzuteilen, dass es auch verstanden werden kann. Sicher, der Herr tat ihr Herz auf, sodass sie Acht gab; dennoch stehen wir unter Verantwortung, das Evangelium verständlich zu predigen:
„19 Sooft jemand das Wort vom Reich hört und nicht versteht, kommt der Böse und reißt weg, was in sein Herz gesät war; dieser ist es, der an den Weg gesät ist.“ (Matthäus 13:19)
Es ist wunderbar, wie sie samt ihrem Haus zum Glauben fanden und getauft wurden. Ebenfalls beeindruckt es, wie sie sich dem Urteil von Paulus und Timotheus unterstellte – welches sie umgehend positiv bestätigten (übrigens eine der Stellen die zeigen, dass „Urteilen“ in vielen Fällen durchaus notwendig ist und nicht mit „Richten“ verwechselt werden darf).
Die Befreiung der Frau mit dem Wahrsagegeist
„16 Es geschah aber, als wir zum Gebet gingen, dass uns eine gewisse Magd begegnete, die einen Wahrsagegeist hatte und ihren Herren viel Gewinn brachte durch Wahrsagen. 17 Diese folgte Paulus und uns nach und schrie und sprach: Diese Menschen sind Knechte Gottes, des Höchsten, die euch den Weg des Heils verkündigen. 18 Dies aber tat sie viele Tage. Paulus aber, tief betrübt, wandte sich um und sprach zu dem Geist: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi, von ihr auszufahren! Und er fuhr aus zu derselben Stunde.“ (Apostelgeschichte 16:16-18)
Wir können Paulus‘ Trauer verstehen. Wohl nicht umsonst rief die Frau „die Euch den Weg des Heils verkünden“. Sah sie einen anderen Rettungsweg? Schloss sie diesen Rettungsweg für sich aus? Sollte sie ebendiese Nachricht verbreiten, dass das Heil in Christus nicht jedem Menschen gilt? Wir wissen es nicht. In beiden Fällen können wir die Traurigkeit aber nachvollziehen. Die anhaltende Traurigkeit löste sich aber, als Gottes Diener dieser armen Frau Freiheit ausrufen durften, indem sie diesen bösen Geist austrieben. Eigentlich ein wunderbares Wirken Gottes, dass den Lobpreis – oder zumindest die Anerkennung – der Umstehenden hätte bewirken müssen.
Gegenwind Satans
„19 Als aber ihre Herren sahen, dass die Hoffnung auf ihren Gewinn dahin war, griffen sie Paulus und Silas und schleppten sie auf den Markt zu den Vorstehern. 20 Und sie führten sie zu den Hauptleuten und sprachen: Diese Menschen, die Juden sind, verwirren ganz und gar unsere Stadt 21 und verkündigen Gebräuche, die anzunehmen oder auszuüben uns nicht erlaubt ist, da wir Römer sind. 22 Und die Volksmenge erhob sich zugleich gegen sie, und die Hauptleute rissen ihnen die Kleider ab und befahlen, sie mit Ruten zu schlagen. 23 Und als sie ihnen viele Schläge gegeben hatten, warfen sie sie ins Gefängnis und befahlen dem Kerkermeister, sie sicher zu verwahren.“ (Apostelgeschichte 16:19-23)
Doch – weit gefehlt! Ja, sie war eine arme, gebundene und von einem bösen Geist besessene Frau – doch sie brachte doch Geld! Der perspektivische Verlust des von ihr generierten Gewinnst versetzte ihre Herren in rasende Wut und sie zerrten die vor die Hauptleute. Nein, die Anklagen waren nicht wahrhaftig und der Vorwurf des Lehrens unerlaubter Praktiken war wohl frei erfunden. Das ersparte Paulus und Silas aber nicht die körperliche Bloßstellung oder die vielen Schläge. Sie wurden dann zur sicheren Verwahrung in den dunklen Kerker geworfen, was ein scheinbar großer Sieg für Satan war – würde die Flamme des Zeugnisses nun erlöschen?
Von Leid und Lobgesang
„24 Dieser warf sie, als er solchen Befehl empfangen hatte, in das innerste Gefängnis und schloss ihre Füße fest in den Stock. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobsangen Gott; die Gefangenen aber hörten ihnen zu. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so dass die Grundfesten des Gefängnisses erschüttert wurden; sofort aber öffneten sich alle Türen, und die Fesseln aller wurden gelöst.“ (Apostelgeschichte 16:24-26)
Versetzen wir uns nun in die Rolle des Gefängnisaufsehers. Da werden zwei blutende Diener Gottes von einem aufgebrachten Pöbel ins Gefängnis geworfen. Er erhielt zudem die Aufgabe, sie in das innerste Gefängnis und schloss ihre Füße fest in den Stock. Es werden bis Mitternacht wohl einige Stunden vergangen sein, wenn wir diese Zeitangabe explizit genannt bekommen. Gottes Wort nennt uns das nicht, es können aber durchaus Stunden gewaltiger innerer Kämpfe unter starken körperlichen Schmerzen gewesen sein!
Nun kommt aber Mitternacht und wir müssen beachten, dass das große Erdbeben grammatikalisch nicht als Folge des Erreichens dieses Zeitpunkt gezeigt wird. Stattdessen finden wir hier eine große Ermunterung für Zeiten in seelischen Kerkern und geistlicher Anfechtung: Paulus und Silas beteten und lobsangen. Vielleicht beteten sie erst und fanden dann die richtige Haltung, Ruhe und den Mut zu singen. Sie sangen aber laut hörbar, so dass es nicht einige, sondern die Gefangenen hörten – was muss das für einen gewaltigen Eindruck hinterlassen haben, wie diese Kämpfer alles in Gottes Hand legten und Ihm Ehre brachten!
Wir lesen in Vers 26, dass plötzlich ein großes Erdbeben geschah. Vielfach wird die zugrunde liegende Adverb „ἄφνω“ mit „unerwartet“ wiedergegeben; dazu möchte ich aber eine Anmerkung au dem Louw-Nida übersetzen (ID 63.113):
„ἄφνω bezieht sich auf einen extrem kurzen Zeitraum zwischen einem vorherigen Zustand oder Ereignis und einem nachfolgenden Zustand oder Ereignis – ‚plötzlich, auf einmal, unmittelbar‘ (in einer Reihe von Kontexten wird die Unerwartetheit impliziert, aber dies scheint eine Ableitung des Kontexts als Ganzes zu sein und nicht Teil der Bedeutung der lexikalischen Elemente).“
Wir dürfen also erkennen, dass das Erdbeben „unmittelbar“ nach dem Gebet und Lobgesang geschah – als direkte Folge. Gewöhnen wir uns doch auch diese gewisse „Trotzigkeit“ an, selbst wenn wir in für uns unüberwindbaren Nöten stecken. Sollte Gott darauf nicht reagieren?
Die Frucht reift, der Segen fließt
„27 Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf erwachte und die Türen des Gefängnisses geöffnet sah, zog er das Schwert und wollte sich umbringen, da er meinte, die Gefangenen wären geflohen. 28 Paulus aber rief mit lauter Stimme und sprach: Tu dir nichts Übles, denn wir sind alle hier. 29 Er forderte aber Licht und sprang hinein; und zitternd fiel er vor Paulus und Silas nieder. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, um errettet zu werden? 31 Sie aber sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden, du und dein Haus. 32 Und sie redeten das Wort des Herrn zu ihm samt allen, die in seinem Haus waren. 33 Und er nahm sie in jener Stunde der Nacht zu sich und wusch ihnen die Striemen ab; und er wurde getauft, er und alle die Seinen sogleich. 34 Und er führte sie ins Haus hinauf, setzte ihnen einen Tisch vor und frohlockte, an Gott gläubig geworden, mit seinem ganzen Haus. […] 40 Als sie aber aus dem Gefängnis hinausgegangen waren, gingen sie zu Lydia; und als sie die Brüder sahen, ermahnten sie sie und gingen weg.“ (Apostelgeschichte 16:27-40)
Was für ein böses Erwachen! Nicht nur, dass das Erdbeben ihm einen gewaltigen Schrecken eingejagt haben muss, es waren alle Türen des Gefängnisses offen. Wenn die Gefangenen die Chance genutzt hätten, wäre sein Leben sicher verwirkt gewesen. Naheliegenderweise wollte der Gefängnisaufseher sich umbringen, das wäre angesichts der weiteren Entwicklung ein Sieg Satans gewesen!
Doch Gott verwendet Seinen Dienst, auch hier einzugreifen und den Gefängnisaufseher samt seinem Haus zu retten. Was für ein Wandel in diesem wohl bärenstarken und grausamen Mann, der nun zitternd vor Paulus und Silas auf die Knie fällt und ihnen später sorgfältig die Striemen abwischt.
Was muss es neben Paulus und Silas auch für Lydia gewesen sein, von der „Achterbahnfahrt“ und den Bekehrungen zu erfahren. Mir stellt sich immer die Frage, ob ich als Werkzeug Gottes zu Gleichem verwendet werden könnte, wie es Paulus und Silas willig mit sich tun ließen. Dieses unerschütterliche Vertrauen auf Gott „gegen Hoffnung auf Hoffnung“ (Römer 4:16-18) ist mir immer wieder ein großes Vorbild!